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Goethe: Phänomen


Wenn zu der Regenwand
Phöbus sich gattet,
Gleich steht ein Bogenrand
Farbig beschattet.
 
 
Im Nebel gleichen Kreis
Seh ich gezogen,
Zwar ist der Bogen weiß,
Doch Himmelsbogen.
 
 
So sollst du, muntrer Greis,
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Dich nicht betrüben,
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Sind gleich die Haare weiß,
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Doch wirst du lieben.

Das Bild des Regenbogens, das Johann Wolfgang von Goethe in seinen Gedicht „Phänomen“ verwendet, hat nicht nur eine lange Tradition, sondern findet sich auch in vielen Kulturen wieder:

  • Es ist im Buch Genesis (Kapitel 9, Vers 12-17) ein Zeichen des Bundes, den Gott mit den Menschen schloss, damit niemals wieder eine Sintflut fast alles Leben auf der Erde vernichtet. 
  • Bei den Griechen ist der Regenbogen der Bote der Götter (Ilias 23,198 ff.). Er tritt als Vermittler mit den Menschen auf. Im Laufe der Zeit wandelt er sich zu einem lieblichen Mädchen, der jungfräulichen Göttin Iris. 
  • In der germanischen Mythologie erscheint mit dem Regenbogen, der die Welt der Götter mit der Welt der Menschen verbindet, etwas Neues und Unerhörtes auf der Welt: Die himmlischen Reiterinnen, die Walküren, kreisen von Odin, dem König der Götter, gesandt, über dem Schlachtfeld. Sie suchen unter den Gefallenen die Besten, die Mutigsten und Stärksten. Sie betten die Toten vor sich auf den Rücken ihrer Pferde und ziehen mit ihnen davon in die Lüfte. Über Bifröst, die große Regenbogenbrücke, bringen sie ihre Beute heim nach Asgard, in die  Götterburg, die wie ein Berg im Zentrum der Welt hochragt.
  • In der irischen Mythologie weiß der Leprechaun, wo am Ende des Regenbogens ein Goldschatz vergraben liegt.
  • In einer alten japanischen Legende, im Westen bekannt geworden auch durch Akira Kurosawas Film Träume, feiern die Füchse am Ende des Regenbogens Hochzeit.
  • Einige Formen des tibetischen Buddhismus beziehen sich auf einen Regenbogenkörper, d.h. auf eine Ebene der Selbstverwirklichung, wo vollständiges Wissen erlangt werden kann.
  • Die Regenbogenschlange der Aborigines formt in ihrer Erscheinung als weiblicher Erdgeist auf der Erde Berge, Täler und Wasserlöcher. In ihrer männlichen Erscheinung als Sonne schafft sie den Regenbogen.
  • Auch bei den Inka in Südamerika und den Navajo in Nordamerika finden wir den Regenbogen in den Schöpfungsgeschichten wieder.
  • Stellvertretend für die Pop-Kultur der Moderne schildern die Rolling Stones in ihrem Song She's A Rainbow aus dem Jahre 1967 diverse Drogenerfahrungen und bedienen sich dabei der Farbenpracht des Regenbogens als Metapher für die Weiblichkeit.
  • Schließlich ist die liebliche Göttin Iris auch in Goethes Haus in Weimar, am Frauenplan, zusammen mit einem Regenbogen dargestellt. Als sogenanntes Deckenauge beherrscht das Gemälde den oberen Teil des Flurs. Im Lichte dieser Platzierung wäre auch der konkrete biografische Bezug des Gedichts zu deuten. 

Fazit: Als Bestandteil von vielen unterschiedlichen, auch autochthonen Kulturen ist der Regenbogen nicht nur ein Symbol der Vielfalt. das in der Postmoderne wiederentdeckt wurde, sondern ein allgemeines Sinnbild des menschlichen Lebens.


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Kommentare: 2
  • #1

    Heinrich Krekeler (Freitag, 21 Mai 2021 15:09)

    Ein schöner Kommentar anlässlich der Wiedereröffnung von Elbphilharmonie und Plaza.

  • #2

    Fritz Leuthen (Samstag, 26 Juni 2021 19:30)

    Es ist gut zu wissen, welche Bedeutung dem Regenbogen in der Geschichte der Völker zukommt.