· 

Die Klais-Orgel - Die Orgel der Elbphilharmonie



Bauliche Grundlagen: Klais-Orgel & Großer Saal

Die Orgel der Elbphilharmonie wurde in der Werkstatt Johannes Klais Orgelbau in Bonn erbaut, einem Familienbetrieb in vierter Generation.

Das Instrument schwebt im Großen Saal nicht wie in den meisten Kirchen hoch oben und fern vom Publikum, sondern ist bautechnisch elegant 2 bis 4 Meter tief in die innere und äußere Schale der Westwand des Großen Saals integriert. Insgesamt vier Publikumsränge verlaufen direkt vor dem 15 x 15 Meter großen und 25 Tonnen schweren Instrument. Zudem wird der Prospekt, die Schauseite der Orgel, aus den größten Metallpfeifen gebildet, die zum Schutz vor Fingerabdrücken mit einer speziellen Schutzschicht versehen sind. Es ist daher in der Elbphilharmonie ausdrücklich erlaubt, die Königin der Instrumente zu berühren!

 

Zum Aufbau 

Die Klais-Orgel besitzt vier Manuale mit 69 Registern. Als Manual wird in der Musik eine Klaviatur von Tasteninstrumenten bezeichnet, die mit den Händen bedient wird, im Unterschied zum (fußbedienten) Pedal. Die Register umfassen bei der Klais-Orgel jeweils eine über den gesamten Tonumfang (also vom tiefsten bis zum höchsten Ton) reichende Reihe von in der Regel 61 Pfeifen gleicher Klangfarbe.

 

Die Orgelpfeifen - Der klangerzeugende Teil der Orgel

Die Klais-Orgel verfügt über 4.765 Pfeifen, die jeweils einen Ton einer bestimmten Klangfarbe oder Lautstärke erzeugen. [Anmerkung: Einige Töne, die sogenannten gemischten Stimmen, werden von mehreren Pfeifen erzeugt, z. B. Mixtur 4fach mit 4 Pfeifen auf einem Ton (s.u.). Das erklärt auch, warum die o. g. 69 Register nicht 4209 (NB: 69 x 61 Pfeifen = 4209), sondern eine Summe von 4.765 Pfeifen umfassen.]

Die differenzierte Tonerzeugung gelingt über den Materialeinsatz, die spezielle Bauform der Pfeifen und ihre unterschiedliche Länge.

Die meisten Pfeifen bestehen zu 75 Prozent aus Zinn und zu 25 Prozent aus Blei, 400 bestehen aus Holz. Zinn sorgt für einen strahlenden, obertönigen, weit tragenden Klang, der aber zur Schärfe neigt. Blei dagegen bewirkt einen sehr weichen, warmen Klang, der aber nicht sehr tragfähig ist. Holz wiederum klingt etwas leiser, weicher und obertonärmer, ist aber sehr tragfähig. Die Metallpfeifen sind länglich und rund. Die Holzpfeifen sind, sie sind so leichter zu bauen, quaderförmig geformt.

Die längste der Orgelpfeifen ist über zehn Meter lang, wobei die klingende Länge 9,60 Meter beträgt, hinzu kommen aber noch der Pfeifenfuß und eine gewisse Überlänge, die zum Stimmen gebraucht wird. Die kürzeste Pfeife misst elf Millimeter. Je länger eine Pfeife ist, desto tiefer klingt sie. Es gibt Labial- oder Lippenpfeifen (einer Blockflöte vergleichbar) sowie Lingualpfeifen, einer Pfeife mit einer schwingenden Metallzunge (vergleichbar mit der Tonerzeugung bei einer Mundharmonika).

Hinzu kommt bei den Labialpfeifen eine spezifische Form oder Mensur, es gibt ganze schlanke, mittlere oder weite Pfeifen (Streicher, Prinzipale und Flöten, vergleichbar der Konfektionsgröße eines Anzugs für schlanke, normale und kräftigere Personen), die die gleiche Tonhöhe besitzen aber unterschiedlich klingen.

Die Lingualpfeifen unterscheiden sich wiederum durch die Form ihres Schallbechers, in dem die Zunge sich bewegt (die durch ihre Dicke und Breite den Klang mitbestimmt). Es gibt kurzbechrige Zungen, mittlere, weiche sowie ganz lange, offene Schallbecher.

Bei der Klais-Orgel entspricht z. B. die kurzbechrige Zunge der Vox humana, der menschlichen Stimme, die Oboe einem mittleren und die Trompete einem offenen, grundtönig schmetternden, trichterförmigen Schallbecher. Damit gibt es enorm viele klangliche Differenzierungsmöglichkeiten.

 

Klangerlebnis - Teilwerke & Register

Die 69 Register der Klais-Orgel wurden in unterschiedliche Teilwerke gruppiert, d. h. je einem der vier Manuale der Orgel zugeordnet.

Das unterste Werk der Orgel ist das sogenannte Chorwerk. Es heißt Chorwerk, weil es u. a. dazu dient einen Chor oder in der Elbphilharmonie auch Instrumentalisten in Bühnennähe zu begleiten.

Darüber befindet sich das Schwellwerk, mit dem Dynamik erzeugt werden kann. Denn eine Orgel hat keine Anschlagsdynamik, wie es beim Klavier der Fall ist. Eine Taste kann zart oder kräftig gespielt werden, aber der Ton verändert dadurch seine Lautstärke nicht - die ist ja durch die Bauform der Pfeife definiert. Deswegen befindet sich das gesamte Werk in einem gut schallgedämmten Kasten, der mit Jalousien versehen ist, die geöffnet oder geschlossen werden können. 

Über dem Schwellwerk befindet sich das sogenannte Hauptwerk, das klangliche Rückgrat der Orgel.

Unter der Decke befindet sich das Solowerk der Orgel mit sehr kräftigen, solistischen Registern.

Zudem gibt es noch eine Klaviatur für die Füße, das Pedal, mit ihm werden vorrangig die großen und tiefen Pfeifen bedient, die das klangliche Fundament der Orgel bilden. Außerdem noch ein Fernwerk, die vier Register im Deckenreflektor, die jedem Manual der Orgel frei zugeschaltet werden können.

Überdies kann die Orgel wahlweise von einem mechanischen Spieltisch, der sich direkt am Instrument befindet, oder vom elektronisch gesteuerten Spieltisch von der Bühne aus gespielt werden. 

Im Grunde lässt sich der Aufbau der Orgel mit einem mehrgeschossigen Wohnhaus vergleichen. Die einzelnen Teilwerke entsprechen den Wohnungen und Räumen, die mit einer individuellen Registerzusammenstellung eingerichtet sind. 

Aber auch die verschiedenen Register erzeugen nicht nur einen unterschiedlichen Klang, sondern ebenso verschiedene Tonhöhen. Es entsteht ein Klang, der nicht mehr in seine einzelnen Bestandteile zu zerlegen ist.

Zugleich kann der Klang in alle möglichen Richtungen modelliert werden.

Zum Beispiel ist ein Prinzipal, eine Labialpfeife (s. o.), in ihrer klingenden Länge 8 Fuß (8') oder 2,40 Meter lang und definiert so für die Klais-Orgel ein tiefes C (vergleichbar dem Kammerton A, der Stimmtonhöhe des Orchesters) mit 442 Hertz bei 22 Grad Celsius. Bei einem 4-Fuß-Register ist die Pfeife nur noch 1,20 Meter lang, die Wellenlänge des Tons doppelt so schnell und der Ton doppelt so hoch. Werden 8- und 4-Fuß-Register zusammengespielt, also 8' und 4', hört man 2 Cs.

Ergänzen wir eine Quinte von 2 2/3 (d.h. über dem C ein G, also ein Intervall, das 5 Tonstufen umspannt), dann eine Superoktave (also 2', noch eine Oktave darüber), dann die Mixtur vierfach, d. h. eine Mischung von 4 verschieden hohen Tönen, hinzu ein 16' (also eine Oktave unter dem 8') und die 32' im Pedal, erhalten wir das typische Orgel-Prinzipalplenum, wie wir es gut durch Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge d-Moll kennen, also eine Mischung von zehn verschiedenen Pfeifen unterschiedlicher Tonhöhe bezogen auf eine Taste. 

Darüber hinaus ermöglichen diese Pfeifen, die im Prospekt der Orgel stehen, d. h. meist ganz vorn, eine optimale Klangabstrahlung.

 

Zusammenfassung

Schließlich ist es diese enorme Bandbreite der Orgel, dass bei einem großen, vollstimmigen Akkord oft gleichzeitig über 100 einzelne Töne erzeugt werden können, die sich zu einer ganzen Tonwelle vereinigen, was wir als unverwechselbares Klangerlebnis der Königin der Instrumente erleben. 

Die Orgel ist damit das einzige Musikinstrument im klassischen Bereich, das in der Lage ist, den gesamten menschlichen Hörbereich abzudecken, vielleicht sogar, je nach Hörvermögen, darüber hinaus. 

 

Konzertprogramm

Das erlaubt für die Elbphilharmonie sowohl eine Ausrichtung des Konzertprogramms auf die Musik des Barock, aber auch auf die Musik der Moderne und die sogenannte Neue Musik.

Titularorganistin der Elbphilharmonie ist die lettische Orgelvirtuosin Iveta Apkalna. 

 

Konzeption, Finanzierung und Fertigung

Konzipiert wurde die Klais-Orgel von Manfred Schwartz, finanziert wurde sie mit 2 Millionen Euro von Peter Möhrle, dem ehemaligen Eigentümer der Hamburger Baumarktkette „Max Bahr“. Für Ihre Fertigstellung haben 45 Orgelbauer zusammen ca. 25.000 Stunden gearbeitet.


Das Alleinstellungsmerkmal der Klais-Orgel

Weitere Besonderheiten der Klais-Orgel, die sie von einer typischen Konzertsaal- oder Kirchenorgel unterscheiden, sind die verschiedenen elektronischen Hilfsmittel. Das ist nicht nur die traditionelle Setzeranlage, die das Einspeichern von verschiedenen Registrierungen ermöglicht, die jederzeit abgerufen werden können, sondern es gibt auch die Möglichkeit über einen Touchscreen Klänge festzuhalten, die sogenannten Tastenfesseln, die aber die Hände für das Spiel befreien.

Eine weitere Besonderheit ist der sogenannte Sequenzer, mit dem kleine Schnipsel erzeugt werden, die dann in einer Dauerschleife, Loops genannt, abgespielt werden können.

Zusammengefasst ermöglichen diese elektronischen Effekte eine klangliche Fläche zu setzen, darüber eine weitere Schicht, in die zeitgleich etwas Drittes hineingespielt werden kann.

Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal der Klais-Orgel ist aber die Windsteuerung für die einzelnen Teilwerke und Register, mit der der normalerweise statische Wind – auch als Hommage an den Standort Hamburg - von einer „steifen Brise“ bis auf Windstille moduliert werden kann, d. h. der Klang kann von leise auf laut geregelt und sogar ganze Verfremdungseffekte erzeugt werden. Darüber hinaus wurden noch zwei Spaßregister hinzugefügt, die regionale Klänge erzeugen können, ein Schiffshorn und ein Schiffsglocke. 

 

Weitere Informationen 

Für ein erstes Kennenlernen des Instruments empfehlen sich die sechs informativen Podcasts, die Thomas Cornelius zu Funktionsweise, Aufbau und Klang der Klais-Orgel eingespielt hat. 

Ein intimeres Kennenlernen vermitteln ein Konzertbesuch am Tag der Orgel, eine Konzerthausführung, die wegen der laufenden Orchesterproben allerdings nicht regelmäßig stattfindet oder eine Elbphilharmonie-Plaza-Führung mit Erläuterungen zu Fragen von Baugeschichte, Konzertangebot, Akustik und Klangkunst. 

Ein weiterführendes Kennenlernen der Orgelstadt Hamburg bietet eine private Stadtführung zur Hamburger Musikgeschichte mit Hamburg by Rickshaw 


Hamburg by Rickshaw - Entdecken Sie mit uns das Beste!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0